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2013

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Beschwörung in neuem Gewand

"erstmal neues": Ein interessantes und großartiges Konzert von Hochschulchor und Neuem Kammerchor an der Kirchenmusikhochschule

Gerhard Dietel, MZ am 30.01.2013

 

REGENSBURG. „Erstmal Neues“: Unter dieser Devise steht eine Veranstaltungsfolge der „Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik“, die sich zum Ziel gesetzt hat, Werke der jüngsten Vergangenheit zu präsentieren. Die gezielt dem 21. Jahrhundert entstammende geistliche Musik, welche am inzwischen vierten Abend dieser Reihe im Konzertsaal der HfKM ertönt, sucht ihre Wurzeln freilich häufig in der Tradition des Gregorianischen Chorals, wie gleich im Eröffnungsstück deutlich wird.

Der „Neue Kammerchor“ der Hochschule lässt unter Leitung von Kunibert Schäfer Hans-Stephan Martins „Cantatibus organis“ aus sparsamen Linien allmählich zum Vollklang wachsen und überzeugt dabei mit nachdrücklicher Textgestaltung.

 

Bastian Fuchs sorgt mehrfach für Grundierung der Chorsätze durch die Orgel, so auch bei zwei kurzen Motetten von Enjott Schneider, deren erste, „Das ist meine Freude“, die Sängerinnen und Sänger zu besonders prägnanter rhythmischer Diktion herausfordert. Breiten flächigen Klang entwickelt der Neue Kammerchor dagegen bei Steven Heeleins „In memoriam Irena Sendler“ und lässt die abschließend wiederholten „…immer“-Worte ins Unendliche verschweben.

 

Ekstatisch erklingt danach Wolfgang Rihms Passionsmotette „Tristis est anima mea“, aus deren Tonschichtungen immer wieder Dur-Klänge magisch hervorleuchten: eine Beschwörung der Madrigalkunst eines Gesualdo in neuem Gewand. Hauptwerk der ersten Programmhälfte sind dann die „Antiphonae ad lotionem pedum“ von Eberhard Kraus. Während der Bassist Christian M. Schmidt Timmermann den gregorianischen Gesängen zur Fußwaschung am Gründonnerstag vokale Gestalt gibt, sorgt Wolfgang Kraus an der Orgel für Kommentierung und Weiterführung der Texte in Form von „Recitativ“, „Dialog“, „Aria“, „Kanon“ oder „Trio“.

 

Nach der Pause agieren Hochschulchor und Neuer Kammerchor gemeinsam, wobei die Hörer oft mitten in den Klang hineingenommen werden, der von vorne wie von der rückwärtigen Empore herab erschallt. Aus dem Chor lösen sich immer wieder solistische Stimmen, und auch die Leitung wechselt, wenn Chormitglieder aus dem Kollektiv heraustreten, um für jeweils ein Stück die Dirigentenrolle zu übernehmen. In diesem zweiten Konzertteil hört man ebenfalls vorwiegend Werke von Komponisten, die enger oder weitläufiger mit der Hochschule verbunden sind.

Zu Wort und Klang kommen Wolfram Menschick mit einem in der Tonsprache eher traditionell gehaltenen „Cantatibus organis“, Widmar Hader mit „Lignum habet spem“, das der angesprochenen Hoffnung im Schlussklang noch eine skeptische Dissonanz beimischt, Otmar Faulstich mit einer herben, doch eindrücklichen „Vater-unser“-Vertonung sowie der Wiener Kirchenmusiker Peter Planyavsky mit einem „Jubilate“. Durch seine vollständige „Missa Alme Pater“ ist Franz Josef Stoiber vertreten: eine neo-modale Fassung des Ordinariums, welche im jubelnden Gloria den lydischen Ton harmonisch farbig erweitert, während Kyrie und Agnus Dei als ruhige Sätze im ersten Kirchenton durch metrische Irregularitäten reizvoll belebt werden.

 

Neue Musik muss nicht verstören, so zeigt dieser Abend, und sie kann sogar Charme entwickeln, wie bei den Zugaben deutlich wird: Eberhard Kraus’ kurzem „Rosen“-Chorsatz, der mehrfach beschleunigt vorgetragen als Pausen-End-Signal dient, und Hans Schanderls mit Conga rhythmisch begleiteter „Rosa das Rosas“, die eine altspanische Cantiga wie heutige iberische Folklore wirken lässt.