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Ein beeindruckender Klangrausch

Andreas Meixner, MZ am 02.01.2015

   

Neue, spannende Hörerlebnisse beim Konzert „erstmal neues“ 
an der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik 

Die Konzerte der traditionsreichen Hochschule für Kirchenmusik gewinnen zunehmend an Profil. Noch fehlt die überregionale Ausstrahlung, doch der Weg dorthin ist mit viel Engagement eingeschlagen. Dies zeigte auch das jüngste Konzert aus der Reihe mit dem frechen Titel „erstmal neues“, mit Werken zeitgenössischer Komponisten. Im Mittelpunkt stand die Uraufführung der „Messa di Ratisbona“ für vier Chöre unisono und Orgel des italienischen Komponisten Biagio Putignano (geb. 1960), der zusammen mit der jungen Tiroler Komponistin Manuela Kerer (geb. 1980) auch anwesend war. Zuvor waren zwei kurze, lateinische Motetten und Instrumentalwerke Putignanos im Fokus der Aufmerksamkeit. „Audi, benigne conditor“ und „Ave maris stella“ zeigen ihn zunächst als gemäßigt modernen Tonschöpfer, der sich durchaus in der klassischen Tradition der Kirchenmusik verhaftet sieht. Von der Empore aus gestaltete der Neue Kammerchor die beiden schlicht gehaltenen a- cappella-Sätze unaufgeregt und mit viel Gespür. 

 

Erstaunliche Leistungen Die Instrumentalwerke hingegen zeigten deutlich die intensive Beschäftigung mit der experimentellen, avantgardistischen Kompositionstechnik. Die Kirchensonate für zwei Violinen, Orgel und Cello über dem Choral „Rosa rorans bonitatem“ ist radikal auf der Klangsuche, bietet aber immer noch dem konzentrierten Zuhörer genug Struktur zur Mitverfolgung an. Im Dialog steht die Orgel in aufgeregten, fast peitschenden Auf- und Abwärtsbewegungen mit den Streichern, die in breiten, später kurzen, engen Harmoniefolgen antworten. Erstaunlich schon hier, zu welchen enormen Leistungen die Instrumentalklassen der Hochschule auch außerhalb der Tasteninstrumente in der Lage sind. Auch Zeno und Severin Schmid machten mit Ihrer packenden Interpretation von „Atlante dell’Immaginazione“ für Violine und Klavier den Eindruck, als wäre neue Musik ihr täglich Brot. Zur Aufführung der „Messa di Ratisbona“ stellten sich dann vier, gemischt besetzte Chöre in die Ecken des Konzertsaals auf, aus der Mitte – in der Tradition der römischen Mehrchörigkeit - von Steven Heelein dirigiert. Beginnend mit einem „Laudate Dominum“ entsteht über die folgenden Ordinariumsteile der lateinischen Messe ein großer, beeindruckender Klangrausch mit weitgehend einstimmigen, den gregorianischen Choral zitierenden Linien, die zeitversetzt beginnen und wieder zueinanderfinden. Die größte Herausforderung liegt dabei im exakten Miteinander zwischen den weit auseinanderstehenden Sängergruppen und der Koordination mit dem schwer beschäftigen Organisten. Eine Messvertonung, die im Kirchenraum sich sicher noch mehr entfaltet und zur vollen Blüte gelangt. Wichtig für die Musikpraxis aber auch, dass die Partitur auch von einem guten Laienchor jederzeit zu erarbeiten ist. 

 

Musik, die sich im Raum verteilt Manuela Kerers Musik steht in ihrer Wirkung dem in nichts nach. Im Kreis rund um die Zuhörer bewegt sich der Chor summend, kichernd, weinend und mit allerlei anderen Geräuschen, die in der kleinen, italienische Stadt Asagio nachts so zu hören sind. Darüber öffnet sich wie ein Bachscher Choral vierstimmig ein melancholisches Volkslied in der fast vergessenen, zimbrischen Sprache. Ähnlich funktioniert „Friduscal“ für Violoncello-Sextett, das sich im Raum verteilt. Aus engen, weiten Clusterharmonien bricht sich die innige Friedensbitte „Du Friedefürst, Herr Jesus Christ“ von Bach seine Bahn. Das ist berührend und beeindruckend zugleich. Den Abschluss bilden zwei wunderbar lyrische Werke des norwegischen Komponisten Ola Gjeilo (geb.1978), die noch einmal die Leistungskraft und das großartige Können der Sänger und Instrumentalisten fordert. Nach einem solchen Abend macht man sich für kurze Zeit wenig Sorgen um die Zukunft der Kirchenmusik.

 

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