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e r s t m a l  n e u e s 7

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Schattenklänge und effektvolle Sounds

Gerhard Dietel, MZ am 25.01.2016

   

"e r s t m a l n e u e s 7": Der Neue Kammerchor der Kirchenmusikhochschule in Regensburg präsentierte zeitgenössische Musik.
 

Die Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik hat sich in den letzten Jahren zu einem der wenigen Orte in Regensburg entwickelt, wo zeitgenössische Musik Aufmerksamkeit genießt. „Erstmal Neues“ heißt die Devise für die nun schon im siebten Jahr im Konzertsaal des Instituts stattfindende Veranstaltungsreihe des Neuen Kammerchors, die lebenden Komponisten ein Forum bietet.

Was denn „Neue Musik“ sei, darüber wurde zuvor in einem Podiumsgespräch diskutiert, ohne ihren Ort zwischen Vergangenheitsbezug und freiem Experiment, zwischen Mainstream und Nischenexistenz fixieren zu können. Mehr oder weniger dicht in Richtung dieser gegensätzlichen Pole bewegen sich die während des darauffolgenden Konzerts erklingenden Musikstücke, die von Studierenden des Hauses sowie vom gastierenden Ensemble Names aus Salzburg einer neugierigen Zuhörerschaft präsentiert werden.

 

Die Musik als Raumerlebnis

 

Als pfiffig weiterentwickelte Tradition erweist sich das „Gloria“ aus Franz Josef Stoibers „Missa inglese“, dessen treibenden 7/8-Metren und farbigen Harmonien der Neue Kammerchor wirkungsvoll Gestalt gibt. Ebenso eindrücklich präsentiert der Chor unter Kunibert Schäfers Leitung später das „Audi filia“ Giovanni Bonatos mit seinen rätselhaften Textcollagen als Raumerlebnis, bei dem die Singenden ihr Publikum umringen und den sanften Vokallinien noch die magischen Klänge angestrichener Gläser hinzufügen.

Ausgesprochen Experimentelles bieten dazwischen drei junge, in Salzburg studierende Komponisten mit ihren Uraufführungen: Marco Döttlinger mit „wie honig im meer“, Josef Ramsauer mit „7 Splitter“ und Matthias Leboucher mit „Stumpf“. Allesamt setzen sie in ihren kammermusikalischen Partituren auf sparsame Einzelereignisse, die sich verdichten und wieder dissoziieren. Bläser und Streicher des New Art and Music Ensemble Salzburg realisieren ihre Partituren, denen Live-Elektronik Echos und Schattenklänge hinzufügt, die den akustischen Raum vervielfältigen: meist dezent im Hintergrund bleibend, doch sich gelegentlich auch bedrohlich hochreckend. Improvisationen am Flügel sind dazwischen eingeschoben. Der Regensburger Pianist Lorenz Kellhuber scheint nach Döttlingers Stück zunächst an dessen Stimmung und Motivik anzuknüpfen, lenkt sein höchst beeindruckendes Spiel aber zunehmend auf eigene Pfade, in denen die Stegreifkunst des Jazz mit geradezu Lisztscher Virtuosität und Erinnerungen an impressionistische Klavierkunst eine neue spannende Einheit ergibt.

Den Abschluss bilden zwei Vertonungen der „Sieben letzten Worte“ Jesu, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Steven Heeleins Fassung für Streichsextett übt Zurückhaltung: mit dunklem Doloroso der tiefen Streicher, zwischen denen auch hellere Paradies-Visionen aufscheinen, und großer Ruhe, die nur im Schlusssatz einmal erregten „Terremoto“-Tremoli weicht. Enjott Schneiders Vokalwerk für gemischten Chor, Englischhorn, Posaunen, Percussion und Orgel macht das Geschehen am Kreuz dagegen geradezu zum effektvoll inszenierten Filmgeschehen: Golgotha goes Hollywood.

 

 

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